Unter diesem in Tschechien (vermutlich) provozierenden Titel gibt es eine Dauerausstellung zur Geschichte der deutschsprachigen Bevölkerung in den böhmischen Ländern. Titel und Ausstellung berühren mich zu tiefst, begeistern und machen mich – fast – sprachlos darüber, in welcher großzügiger und großartiger Weise heute Tschechen über ihre ehemaligen Landsleute denken und eine Ausstellung im Colegium Bohemicum realisierten: Im Städtischen Museum in Usti nad Labem, zu deutsch Aussig an der Elbe in der Masarykowa 1000/3.
Bis zum Jahr 1989 ein absolutes Tabu, dass hier auch Deutsche zu Hause waren, während wir als junge Leute furchtbar gern ins Nachbarland fuhren und erst langsam bruchstückweise hinter vorgehaltener Hand von dieser Geschichte erfuhren. Wir DDR-Deutschen hatten – zumindest ich – doppelte Scham: Die Verbrechen unserer Nazi-Vorfahren in den Knochen und der Einmarsch der ostdeutschen NVA mit den Sowjets, um den Prager Frühling von 1968 niederzuschlagen. Als Soldat öffnete mir dieser Einmarsch die Augen über das DDR-System. Nur offenbar Skrupel der Sowjets, Deutsche erstmals nach 1938 wieder in die Tschechoslowakei einmarschieren zu lassen, veranlassten, dass die NVA praktisch nicht mitmarschierte. Deren Offiziere und manche Soldaten wären liebend gern im August 1968 wieder mit der Knarre dabei gewesen …
Im höchst lesenswerten Katalog heißt es zur Ausstellungsgeschichte: „… unser jahrhundertealtes Zusammenleben war nicht schwarz-weiß, auch nicht in den letzten tragischen Jahren vor der Vertreibung (1945 R.B. ergänzt). Waren das nicht nur deutsche Antifaschisten und Demokraten, die den Tschechen in der Ersten Tschechoslowakischen Republik treu zur Seite standen? Vielmehr sind es alle deutschsprachigen Bewohner unseres Landes, deren Vorfahren jahrhundertelang hier lebten und mit uns zusammen unsere Geschichte geschrieben haben. Diese Koexistenz ist nicht nur eine einfache Geschichte der Ereignisse von Anfang an, sondern erfordert eine umfassende Perspektive, die sich logischerweise auf das Heute und die heutigen Generationen erstreckt.“
Der Titel der Ausstellung „Unsere Deutschen“ bedeutet sicherlich für viele Tschechen eine Zumutung. Nichts von und in dieser Ausstellung ist selbstverständlich. Fehlt deshalb die Werbung außerhalb des Hauses so völlig? Die Folge, am Pfingstmontag begegneten wir – wie ernüchternd – keinem einzigen Besucher in dieser wunderbaren Ausstellung. Sie zeichnet sich aus durch Vielfalt und Emotionalität, Informationsfülle, Differenziertheit sowie durch historische Fotos und Gegenstände aller Art menschliche Nähe. Die Grausamkeiten auf beiden Seiten werden nicht ausgespart und – ohne sie zu verharmlosen – in den Kontext der Geschichte gestellt. Wem Europa am Herzen liegt, muss diese Ausstellung besuchen.