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Leipzig, als die Mauer fällt ***

Für den 9. November hatte das NEUE FORUM in Leipzig einen Schweigemarsch unter dem mutigen Motto In Erinnerung an die Pogromnacht und gegen rechtsradikale Tendenzen in der DDR angemeldet. Diese Demonstration organisiert maßgeblich unser Nachbar Herbert Strickrodt in Gohlis. Redner in der Gottschedstraße ist Siegfried Hollitzer (AG Kirche und Judentum). Diese Demonstration wird nach Jahrzehnten als die erste angemeldete und freie Demonstration in die Geschichte Leipzigs eingehen.

Der Schweigemarsch führt von der Nikolaikirche quer durch die Stadt, über den Stadtring an der Thomaskirche vorbei, bis hin zum Standort der 1938 zerstörten großen Synagoge in der Gottschedstraße. Bis zu diesem Zeitpunkt wusste ich nicht, dass dort einst die Große Synagoge gestanden hatte. Die DDR hat mit dem Judentum nichts im Sinn. Der Holocaust passt nicht in das verbogene DDR-Geschichtsbild. Nicht die Juden, sondern die Kommunisten sollten als Opfer des Faschismus im Mittelpunkt des Gedenkens und der Verehrung stehen. Die ideologischen Anfänge der DDR waren zudem von Antisemitismus geprägt. Politische Gegner wurden „als Judasse“ verunglimpft. Dass es in der DDR antisemitistische Tendenzen und offenen Rechtsradikalismus gibt, bleibt viele Jahre, weil es nicht in die heile Welt des Sozialismus passt, unter der Decke absoluter Verschwiegenheit. Die „alten Haudegen“ in der Armee und die schrecklichen Erlebnisse von 1968 dort hatte ich nicht vergessen, doch dass wir ein großes Problem mit Rechtsradikalen in dieser Gesellschaft insgesamt haben, wird mir erst allmählich bewusst. Im Sommer 1989 lese ich die Untergrundzeitschrift KONTEXT mit einer Analyse des Rechtsradikalismus in der DDR von Konrad Weiß. Weiß zählt zahlreiche Vorfälle auf und schreibt dort:

Dieses bedrückende Kalendarium der Gewalt, des Antisemitismus und Rassismus ließe sich fortsetzen. Man möchte meinen, es wären Nachrichten aus dem Pogromjahr 1938 oder solche, die aus einer fernen Weltgegend kommen. Daß dies alles sich heute und hier in unserem Land zugetragen hat, macht betroffen und ist schwer zu ertragen. Daran ändert auch das Wissen um die erfolgte Bestrafung nichts. Und es schmerzt mich zutiefst, daß ich junge Menschen, meine Mitbürger und nachgeborenen Zeitgenossen, Faschisten nennen muß.[1]

Diese Analyse und unsere eigenen Erfahrungen in der DDR veranlassen uns vom NEUEN FORUM, die Demonstration am 9. November (was an sich schon ein Novum war) nicht nur zur Erinnerung an 1938 zu veranstalten, sondern eben auch gegen rechtsradikale Tendenzen 1989 in der DDR. Geschätzt 30.000 Menschen – zu einem großen Teil junge Leute – demonstrieren an diesem Donnerstag mit Tausenden Kerzen in der Hand quer durch die Stadt. Meine Kinder nehmen auch teil. Doch wir haben an diesem Tag das erste Mal Angst, dass uns rechte Hooligans angreifen oder sich uns in den Weg stellen könnten. Der eindrucksvolle Schweigemarsch – außerhalb der regelmäßigen Montagsdemonstrationen – wird mit so vielen Menschen ein überragender Erfolg. Damit hatten wir nicht rechnen können.

Am Abend, erschöpft zu Hause angekommen und noch erregt durch den eindrucksvollen Schweigemarsch, erleben wir völlig überraschend im Fernsehen mit, wie in Berlin die Mauer fällt. Als wir das Unglaubliche sehen, laufen die Tränen. Nicht zu fassen! Noch kürzlich hatte Honecker der Mauer, dem sogenannten „antifaschistischen Schutzwall“, weitere hundert Jahre vorausgesagt – scheinbar war auch die Bundesrepublik an einer Änderung des Status quo in Europa wenig interessiert. Nur der amerikanische Präsident Reagan forderte 1987 an Gorbatschow gerichtet:

Tear down this wall! – Reißen Sie diese Mauer nieder!

Damals hatte ich diese Aufforderung als übergriffig empfunden. Um Gottes Willen, lasst uns das in Ruhe selbst erledigen! Das war in meinen Augen Kriegstreiberei. Heute, am 9. November 1989, vor dem Fernseher sitzend, empfinde ich neben Freude auch die Angst, dass die DDR-Staatsmacht die Mauer nur für kurze Zeit freigeben würde, um den Druck aus „dem Kessel“ zu lassen, um anschließend wieder dichtzumachen. Denn wir haben die Macht noch lange nicht in unseren Händen. Der Kampf für Demokratie geht unverändert weiter. Wie viele Menschen würden noch, wenn sie schon in den Westen reisen können, am kommenden Montag zur Demonstration gehen?

*** Auszug aus meinem Historischen Report I 1945 – 1989. Von einem, der auszog in eine nicht vergangene Zeit. Leben dieseits der Mauer

[1] Konrad Weis: „Die neue alte Gefahr. Junge Faschisten in der DDR“. In: Untergrund-Zeitschrift KONTEXT (Heft 5), 1988, S. XX–XX.

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