Gespiegelt, blass, grau, ernst. Bin ich das wirklich? Zwei kleine Falten über der Nase. Das Gesicht rahmt ein dünnes Bärtchen. Die Kopfhaare locker über der Stirn. Dieser Mensch, der da mich im Fenster ansieht, will die Welt verbessern? Alles auf den Kopf stellen, alles aus den Angeln heben! Nichts soll so bleiben wie es ist! Kein Stein soll dem anderen bleiben! Nur das Gute erhalten? Ich lächle, da lächelt auch der, der mich da ansieht. Wie schnell sich das Gesicht auf meinen Wunsch hin verändert? Kann dieser Typ mit seinen 41 Jahren in einer neuen Welt bestehen? […]
Die deutsch-deutsche Grenze, wenngleich durchlässig, steht noch fest. Die Unwägbarkeiten sind groß. Doch in meiner sächsischen Familie heißt es: Wer nichts riskiert, kommt nicht nach Waldheim. Damit war der Knast dort gemeint. An welcher Stelle sich Risiken, Gräben und Fallstricke in diesem Jahr verbergen, davon hatte ich nicht die leiseste Ahnung. Das ist auch gut so. Ich will es lieber nicht wissen, sondern loslegen.
Mit Tagesanbruch tauchen im Fenster die beiden Schornsteine des Hinterhauses auf. Aus den Ziegellöchern steigt kein Qualm. Wenn der Wind ungünstig weht, müssen wir die Fenster schließen. Sonst verfangen sich die Gase bei uns in der Wohnung. Die Nachbarn verfeuern Unmengen an Braunkohlenbriketts. Das niedrige Gartenhaus in der Pölitzstraße 12 ist kalt und feucht. Als ich mich im Vorjahr bei der städtischen Wohnraumwirtschaft über den Qualm beschwere, bringt das die Dame nicht aus der Fassung. Sie ist zwar für alles zuständig, aber für giftige Gase nicht. Ich erkundige mich nach ihrem Namen, was sie fragen lässt:
Warum wollen sie denn meinen Namen wissen?
Ganz einfach. Sie vergiften meine Familie in unserer Wohnung und ich will sie als dafür Verantwortliche benennen, wenn der Wind sich politisch dreht.
Die Dame zeigte sich wegen der Schornsteingase wenig irritiert, jetzt aber fragt sie verblüfft: Meinen sie wirklich, dass sich etwas ändern könnte?
Heute ist Feiertag folglich Ruhe im Viertel. Das Gartenhaus überwölbt ein Ahornbaum. Im Morgengrauen bewegen sich die großen Äste wie in Trance … […]. In unsrem Küchenfenster verschwindet langsam mein Gesicht im Tageslicht. In der Ferne knallen und blitzen noch vereinzelt Böller. Der Ahornbaum wird im Frühjahr grüngelb blühen und sich im Herbst rötlich gelben färben. Heute qualmen die Schornsteine auf dem Hinterhaus nicht. Seltsam. Die Nachbarn – eine Familie mit Kindern – scheinen unterwegs. Sie werden, was ich jedoch jetzt noch nicht weiß, nie wieder in das kleine Gartenhäuschen zurückkehren. Es bleibt leer*.
*Fußnote: Jahre später bedankt sich die betreffende Familie bei mir, da ihnen wegen meiner Beschwerde kurz darauf eine neue Wohnung im Stadtteil Paunsdorf zugeteilt worden war. Zunächst konnte ich den Dank nicht verstehen und wies ihn freundlich von mir. Danach erst kam mir das damalige Geschehen wieder in Erinnerung.
Aus dem 1. Kapitel meines Buch von 2026: Das wilde erste Jahr ohne Mauer (UT)