Nicht, dass Ungarn, Rumänien und Bulgarien sehr weit weg liegen, aber die hygienischen Bedingungen und die ärztliche Versorgung in diesen Ländern kennen wir als nur grenzwertig ertragbar. Mit Schrecken denke ich an den blutigen Durchfall und das Fieber meiner Kinder vor drei Jahren zurück, sogar die Darmzotten hatten sich gelöst. Woher die Ansteckung? Keine Ahnung. Sofort brachen wir damals alle Zelte im Böhmerwald (in dem schönen Běšiny) ab und fuhren in fünf Stunden zurück nach Leipzig. Von solchen Infektionen in den „Bruderländern“ hören wir (unter der Hand) mehrfach und immer wieder. Auf weite Reisen mit Kindern in diese wunderbaren Länder verzichten wir deshalb schweren Herzens. 1989 jedoch sind unsere Kinder mit elf und dreizehn Jahren so alt, dass wir riskieren, im Sommer wieder in „die Ferne zu schweifen“.
Ins Nachbarland Polen würden wir gern reisen, denn Landschaft, Leute und Kultur ziehen uns geradezu magisch an. Doch Polen bleibt uns weiterhin verschlossen. Und alle westlichen Länder einschließlich Jugoslawien[1] liegen ohnehin jenseits aller Vorstellungen. Wir nehmen uns für Ende Juli / Anfang August 1989 die hohen Berge der Niederen Tatra als Ziel vor. Anschließend wollen wir für ein paar Tage nach Ungarn und Budapest reisen – alles mit Zelt und Trabant. Mehr als 2.000 Kilometer werden wir überwinden, zu viert im vollgestopften, kleinen Auto, das mit seinem 2-Takt-Motor fortwährend stinkt, was wir aber, weil wir es nicht anders kennen, nicht riechen. Wir schätzen uns glücklich. Ein anderes, freies Reisen ist nicht möglich oder für uns unbezahlbar.
Die ČSSR zu durchfahren, ist mühselig. Zwar sind die Landstraßen (immer schon) besser als in der DDR, doch Land und Leute wirken gedrückt und unfroh. Die Dörfer sind wie ausgestorben. Auf dem weiteren Weg durch die Städte sehen wir in Nordböhmen an einer großen Hauswand – zwar etwas verblasst, aber gut erkennbar – das propagandistische Viererbild mit Marx, Engels, Lenin und Stalin. Die Gespenster der Vergangenheit.[2] Stalin fehlt gerade noch! Stalin wäre nicht einmal mehr in der DDR als Ikone an einer Wand erträglich. Hier schon.
Unterwegs bekommen wir – keine Frage – ausreichend zu essen und zu trinken. Schmackhafter Schweinebraten mit Sauerkraut und Knödel wird überall angeboten. Die Kinder trinken begeistert Coca-Cola, die es bei uns nicht gibt. Vor Ort sind die Leute meistens nett und machen vieles möglich. Doch – das weiß ich aus vielen Reisen in dieses Land – mit der Besetzung 1968 durch die Sowjets schwand Jahr für Jahr die relativ freundliche und offene Lebensweise der Tschechen und Slowaken immer mehr.
Von der bedrückenden Atmosphäre 1989 im Lande merken wir im Gebirge nichts. Wir wollen uns an frischer Luft erholen. In 1.000 Meter Höhe verzaubern uns die Frühlingswiesen und klaren Bäche. Über die politischen Vorgänge in Polen und Ungarn erfahre ich nichts, weder über die Zeitung noch über den Rundfunk. Die Wellen der Westsender rauschen hier nur. [Anmerkung: Das Land wurde am 21.August 1968 von den Sowjets und Verbündeten überfallen und seit dem massiv unterdrückt. Im Historischen Report I schreibe ich darüber.]
In der Stadt Rožňava (Rosenau), schon Richtung Ungarn, erklingt böhmische Blasmusik. Einige Männer – offensichtlich Mitglieder der Freiwilligen Feuerwehr – arbeiten an der Fassade der mächtigen Klosterkirche. Auf dem Markt wird an einem Container-Unterstand Limonade und Bier ausgeschenkt und in Plastikbechern Kaffee gereicht. Alte Bäume werfen in der Hitze des Sommers angenehm Schatten. Die Arbeiter an der Kirche beginnen bei Bier und Musik laut zu singen. Da das Gerüst nicht hoch genug reicht, springt einer von ihnen immer wieder nach oben und schlägt mit einem Hammer auf den Putz, um ihn abzuschlagen. Das ist anstrengend und skurril, wohl aber eine Variante, die Arbeit zu erledigen, ohne das Gerüst zu erhöhen.
Am 6. August 1989 überqueren wir die Grenze nach Ungarn. Die Stadt Eger (Erlau) liegt auf unserem Weg und ich bin völlig „von der Rolle“, nicht nur, weil wir in Ungarn bewaldete Berge vorfinden, sondern vor allem, weil – aus der ČSSR kommend – hier alles so sauber, freundlich, einladend bunt ist, wie ich in meinem Tagebuch notiere. Auf den Straßen und in den Läden erwartet uns ein überaus vielfältiges und farbenfrohes Angebot. Weintrauben und Pfirsiche in Hülle und Fülle. Alte sanierte Häuser neben modernen Neubauten und Boulevards. Wie im Westen sieht es hier aus, denke ich. Der Zeltplatz mit ordentlichen Toiletten und gepflegten Duschanlagen (im Osten leider keineswegs selbstverständlich) kostet 200 Forint. Zwei Gläser Rotwein am Abend bekommen wir für 75 Forint, also alles bezahlbar. Hier zelten überwiegend Niederländer, geschätzt zwei Drittel. Auch das überrascht. Mit Ausländern haben wir ja ansonsten nichts zu tun. Im Restaurant werden wir freundlich empfangen und bedient – an Tischen mit roten Tischdecken unter einer großen Trauerweide, mit zahlreichen Gästen daran sitzend, dennoch ist immer ausreichend Platz. Der Kellner meint, der Balaton sei ihm zu teuer. Eger überrascht uns.
Am nächsten Tag fahren wir nach Budapest. Dort wollen wir bei Valeria Koch[1], einer ungarndeutschen Lyrikerin unterkommen. Wegen der sommerlichen Hitze schwitze ich, aber vor allem wegen des wilden und starken Autoverkehrs in der für uns gewaltig großen Stadt Budapest. Trabbis sind hier die Ausnahme. Wir finden im Gewirr der Straßen die Adresse, die wir suchen. Ein dreistöckiges Haus mit Innenhof und mit dortigem Zugang zu den Wohnungen. Vali begrüßt uns herzlich und sagt zugleich, dass sie uns diese Mal leider nicht aufnehmen könne. Zu viele aus der DDR seien in diesem Jahr in Budapest. Sogar in ihrem Hof lägen sie überall mit Schlafsäcken. Deshalb könne sie uns in diesem Jahr auch nicht auf einem Balkon schlafen lassen, aber sie habe schon eine Idee und uns bei Freunden angemeldet. Dort seien wir am Abend herzlich willkommen, gleichwohl sollten wir uns nicht wundern, beide seien Genossen, zwar liberal, aber manchmal mit wunderlichen Ansichten. [2]
Wie immer in Budapest: In der Stadt ist es heiß, ein Geschiebe und Gedränge, es wimmelt von Menschen. Ich entdecke im Zentrum, auf der berühmten Váci utca, mühsam den Buchladen, in dem ich vor einigen Jahren vom Fischer Verlag die gesammelten Erzählungen von Kafka gekauft hatte (und anschließend in die DDR schmuggelte). Unsere beiden Kinder wollen außerdem wissen, wie es bei McDonald‘s schmeckt. Mit der Straßenbahn fahren wir an der Donau entlang, die Strecke hin und her. Jetzt verstehe ich, in der Bahn riecht es nicht nach Benzin, wie ich früher vermutete, sondern kräftig nach Knoblauch. Von der Bahn aus sehen wir die Elisabethbrücke, die Kettenbrücke, den Gellértberg mit Zitadelle sowie das bunte Dach der Matthiaskirche, die Türme der Fischerbastei und schließlich die Margareteninsel.
Wir steigen an dem einen Ende aus, um die Große Markthalle zu besuchen (eine elegant großzügige Stahlkonstruktion aus dem 19. Jahrhundert) mit dem für uns in der DDR unglaublichen Angebot an Obst, Gemüse, Käse, Wurst, Fleisch und Fisch. Hier essen wir uns gründlich und mit großem Vergnügen satt. Alles ist bezahlbar. Dann fahren wir noch ein Stück mit der ältesten U-Bahn des Kontinents (aus dem Jahr 1896), mit der M1 (Metro Line 1). Die Türen schließen dampfbetrieben. Dampf zischt. Vorsicht: Verbrennungsgefahr!
Ein langer Tag – die Kinder fallen erschöpft ins Bett. In der modern eingerichteten Wohnung finden wir für diese Nacht eine gute Unterkunft. Unsere beiden Gastgeber, Frau und Mann, etwa zehn Jahre älter als wir, gehören der kommunistischen Einheitspartei, der Ungarischen Sozialistischen Arbeiterpartei (USAP) an. Diese Partei hatte sich in dem Jahr bereits stark gewandelt.[3]
Da beide gut deutsch sprechen, sind wir gleich mitten in der politischen Diskussion, die aber insgesamt nicht sehr ergiebig ist. Entweder teilen wir die Ansichten über die nötigen Veränderungen oder sie sind gedanklich weit weg von unseren Erfahrungen in der DDR. Offensichtlich wollen sie die neuen Probleme mit alten sozialistischen Antworten lösen. Oder? Vielleicht halten sich beide auch uns gegenüber nur zurück. Wir jedenfalls hören entspannt zu, wie sie uns von dieser uns völlig fremden ungarischen Welt berichten. Am Ende des Gesprächs meinen sie – für uns nun total überraschend – für sie wäre es jetzt an der Zeit (Anfang August 1989), sich Grundstücke und Häuser zu kaufen.
Warum und wozu Grundstücke?, fragen wir.
Ein solches Ansinnen ist uns völlig fremd. Wenige Monate später werden wir uns daran erinnern. Am nächsten Tag fahren wir über Bratislava und die teilweise fertiggestellte Autobahn zurück nach Hause. Wir gönnen uns in unserer geliebten Stadt[4] Prag eine kleine Pause und kehren dann wie üblich per Landstraße über das Erzgebirge nach Leipzig zurück. Irgendwie nehme ich den Eindruck mit nach Hause, Budapest und Prag seien fremder geworden und gar nicht mehr so faszinierend, wie wir diese Städte noch vor wenigen Jahren wahrgenommen haben. Liegt es daran, dass ich jetzt schon mehrfach den Westen bereist hatte?
Valerie Koch schreibt 1992 das Gedicht:
V e r b i n d u n g
Blut und Glut
des stöhnenden Ostens
verbindet immer noch
dieselbe Sonne
mit der blauen Kühle
des satten Abendlandes[5]
*** Auszug aus meinem Historischen Report I 1945 – 1989 „Von einem, der auszog in eine nicht vergangene Zeit. Leben dieseits der Mauer“ Edition Hamouda Leipzig 2021
[1] Wer in Jugoslawien aus der DDR kommend Urlaub macht, muss – um das Mindeste zu vermuten – über beste Beziehungen verfügen.
[2] Von der Geschichte der Tschechoslowakei, insbesondere über die deutsche Besetzung 1938 und über die Vertreibung aller Sudetendeutschen nach 1945, erfahren wir vor 1989 fast nichts. Literatur gibt es dazu gewöhnlicherweise nicht. Die Reiseführer sparen diese Geschichte komplett aus. Wir wundern uns über die Grenzregionen, die besonders heruntergewirtschaftet aussehen.
[1] Valeria Koch, begnadete ungarndeutsche Dichterin, geboren 1949 in Szederkény (Surgetin) im Gebiet Baranya bei Pécs (Fünfkirchen), starb leider bereits 1998. János Szabó (Germanist und Kenner ungarndeutscher Literatur) nennt sie den Stern am ungarndeutschen Literaturhimmel. Ihr lyrisches Werk umfasst drei Bände in deutscher Sprache: Bizalom – Zuversicht (1982), Sub Rosa (1989) und Wandlung (1993).
[3] Am 24. Februar bereits hatte die KP auf ihren Führungsanspruch verzichtet. Vom 13. Juni bis zum 18. September tagte der nationale ungarische Runde Tisch, der den friedlichen Übergang zur parlamentarischen Demokratie aushandelte. Das Vorbild stand in Polen. Die freien Wahlen (erstmals nach 40 Jahren) finden in Ungarn am 25. März 1990 statt, genau eine Woche nach den unsrigen in der DDR.
[5] Koch, Valeria: „Verbindung“ in: Wandlung: Gedichte (Budapest: Verband Ungarndeutscher Autoren und Künstler, 1993), S.23.