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Die Ostdeutschen bestimmten die Geschichte

Nicht die Westdeutschen bestimmten, was im Jahr 1990 in Deutschland geschah, sondern die Ostdeutschen. Diese Lebensleistung, ob sie gefällt oder nicht, wurde bisher übersehen und nicht gewürdigt – weil in der Dimension nicht erfasst!

In Stichworten: Nach dem friedlichen Sturz des DDR-Regimes 1989 durch Massendemonstrationen fanden die ersten freien Wahlen am 18.März 1990 statt. Sie öffneten den Weg zur deutschen Einheit (Wahlbeteiligung über 93 %). Daraus ergaben sich geradezu zwangsläufig die ersten Wahlen in ganz Deutschland – am 2. Dezember nach über 40 Jahren. Bereits am 6. Mai wählten die Ostdeutschen – von Rostock bis Plauen –  neue Gemeindevertretungen, Kreistage und Bürgermeister. Ein selbstbestimmter Elitenaustausch ersten Ranges. Die schnelle Einführung der DMark (sonst gehen wir in den Westen!) fand am 1. Juli statt. Das gesamte Konsumgefüge drehte sich um hundert Prozent. Für Westdeutschland ergab sich ein riesiges Konjunkturprogramm. Das ostdeutsche Warenangebot hatte es auch bei den eigenen Landsleuten ungeheuer schwer. Fünf Länder wurden im Osten einschließlich Landeshauptstädten neu gebildet und am 14. Oktober dazu die Landtage gewählt, teils zuvor mit neuen Grenzen und Zuordnungen durch Volksabstimmungen. Daraus ergab sich ein grundsätzlich neues Gefüge im Föderalismus Deutschlands. Noch im September wurden fast fünf Prozent der DDR-Fläche dauerhaft unter strengen Naturschutz gestellt (u. a. fünf Nationalparks wie Sächsische Schweiz, Hochharz, Bodden Vorpommern). Die Aufnahme sowjetischer Juden befürwortete der Runde Tisch Anfang 1990 und entschied die letzte DDR-Regierung unter Lothar de Maizière. Diese 200 000 Menschen prägen seitdem das jüdische Leben in ganz Deutschland. Im Einigungsvertrag galt für den Osten die hiesige Fristenregelung weiter, obgleich nach bundesdeutschem Gesetz verfassungswidrig. Der Schwangerschaftsabbruch wurde in den Folgejahren gesetzlich neu geregelt. Daran hatten die ostdeutschen Frauen entscheidenden Anteil – wie die Gleichberechtigung von Frau und Mann durch die ostdeutschen Frauen einen enormen Schub in Deutschland erhielt. Einmalig auf der Welt: Das Stasi-Unterlagengesetz mit der Offenlegung der Akten verhinderte, dass – im Gegensatz zu Russland –  wieder KGB-Offiziere die Macht im Staat übernehmen konnten. Schließlich stimmten die ostdeutschen Abgeordneten 1991 mehrheitlich für Berlin als Hauptstadt. Dieses Abstimmungsverhalten entschied, da die Abstimmung für Berlin höchst knapp ausfiel. Last but not least mussten Hunderttausende schwerbewaffnete Sowjetische Soldaten in Folge der 89er Revolution und der Wahlentscheidungen von 1990 Deutschland verlassen und nach Hause gehen.

Mein Historischer Report II – 1990 berichtet von diesen, heute in seinen Dimensionen vergessenen Lebensleistungen der Ostdeutschen. So ziemlich alle Ostdeutschen (und ihre Familien) leisteten in kürzester Zeit Unglaubliches, in dem sie das politische Geschehen bestimmten, die Wirklichkeit neu bedachten und im Alltag von Grund auf neu handelten. Das Jahr 1990 geriet in der Unmenge des Geschehens aus dem Blickfeld und wurde überlagert von mancherlei Erzählungen, Fiktionen und Friktionen. Sie geben zwar Zeugnis von dieser Zeit, aber – bei Lichte betrachtet – häufig unklar und verschwommen. Jede und jeder kann in diesen Romanen und Erzählungen hinein interpretieren, was ihr oder ihm jeweils passt. Das ist bequem wie häufig falsch. In meinem Historischen Report ist nichts fiktiv, alles beruht auf Fakten und die Daten zeigen, wie die Ostdeutschen das Geschehen 1990 bestimmten und zwar viel mehr als uns allen – auch mir bisher – bewusst wurde.

1990 war eine großartige Zeit. An diesen „wilden“ Aufbruch erinnere ich, an die ungeheure Anstrengung, an die Niederlagen, aber vor allem an die verrückt-inspirierende erfolgreiche Arbeit (Was der Nörgelei der AfD den Wind aus den Segeln nehmen kann.). Ich berichte auf 399 Seiten über die zwölf Monate des Jahres in zwölf Kapiteln und einem dreizehnten besonderen Kapitel. Das Engagement in dieser Nachrevolutionszeit – von Rostock bis nach Plauen – wurde bisher viel zu wenig gewürdigt. Da beziehe ich ausdrücklich diejenigen mit ein, die aus dem Westen kommend mit uns arbeiteten und sich engagierten. Ohne sie wären wir verdammt einsam gewesen.

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